Draghis finale Zinsattacke – Deutschlands Sparer müssen sich fürchten

Die Europäische Zentralbank belässt den Leitzins bei null Prozent.

Doch Notenbank-Chef Mario Draghi bereitet schon seinen „denkwürdigen Schlussakt“ vor. Für deutsche Sparer brechen noch härtere Zeiten an.

Die von Sparern erhoffte Zinswende im Euro-Raum rückt in weite Ferne. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angesichts düsterer Wirtschaftsaussichten und schwacher Inflation die Tür für eine weitere Lockerung der Geldpolitik geöffnet. Europas Währungshüter gehen davon aus, dass die Zinsen mindestens über die erste Hälfte des Jahres 2020 auf ihrem aktuellen Niveau oder „darunter“ bleiben werden. Sie kündigten an, weitere Zinssenkungen und Optionen für neue Anleihekäufe zu prüfen.

„Alle Instrumente sind auf dem Tisch“, sagte der Ende Oktober scheidende EZB-Präsident Mario Draghi. Angesichts der weltweiten Konjunkturabkühlung und der Schwäche des Welthandels, der unter internationalen Handelskonflikten leidet, seien „signifikante geldpolitische Impulse“ notwendig.

Die Märkte rechnen nun fest damit, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung im September die Zinsen senken wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür beziffern die Akteure auf 81 Prozent. Doch damit nicht genug. Analysten erwarten, dass Draghi am 12. September gleich zum großen Schlag ausholen wird und neben niedrigeren Zinsen auch das Anleihekaufprogramm wieder starten wird, sprich: ein Paket an Lockerungsmaßnahmen verabschieden wird. „Draghi wird sich wahrscheinlich mit einem „denkwürdigen Schlussakt““ verabschieden, sagt Silvia Dall’Angelo, Ökonomin bei Hermes Investment Management.

Am Donnerstag beließen die Währungshüter den Leitzins auf dem Rekordtief von null Prozent. Banken erhalten somit frisches Geld bei der Notenbank zum Nulltarif. Auch an den 0,4 Prozent Strafzinsen, die Kreditinstitute zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken, rüttelte die Notenbank nicht. Es gilt als wahrscheinlich, dass die EZB den Strafzins erhöhen wird. Um die Institute nicht zu sehr zu belasten, sollen verschiedene Optionen geprüft werden, darunter eine Staffelung des Negativzinses.

Euro vollführte eine Berg-und-Tal-Fahrt

Der Negativzins soll Geschäftsbanken davon abhalten, Geld zur Notenbank zu tragen. Die Währungshüter wollen die Institute stattdessen dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben. Dies soll die Wirtschaft ankurbeln und zugleich die Inflation anheizen. Das kostet die Branche Milliarden – und das in Zeiten, in denen vielen Instituten das Geldverdienen wegen des Zinstiefs ohnehin schwerfällt. „Die EZB wird ihre Politik der Null- und Negativzinsen, wahrscheinlich im Verbund mit neuen Anleihekäufen, noch auf Jahre hinaus weiterführen“, erklärte Friedrich Heinemann, Finanzwirtschaftsexperte am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Doch große Euphorie über niedrigere Zinsen und frische Geldspritzen wollte an den Märkten nicht aufkommen. Der Dax, der nach dem zunächst veröffentlichten EZB-Statement 0,7 Prozent im Plus lag, drehte während der Draghi-Pressekonferenz ins Minus: Auch der Euro vollführte eine Berg-und-Tal-Fahrt. Er rutschte wegen der Aussichten auf eine noch lockerere Geldpolitik bis auf 1,11 Dollar ab, befestigte sich aber später wieder deutlich.

Denn Draghi, der sonst die Märkte mit seiner Rhetorik faszinieren kann, enttäuschte auf der Pressekonferenz. Er musste kleinlaut eingestehen, dass es im EZB-Rat, der letztlich über die Maßnahmen abstimmt, keinen Konsens gab. Für viele Beobachter war Draghi zu optimistisch. Zwar werde die wirtschaftliche Situation vor allem in Euro-Ländern mit einer starken Industrie „schlimmer und schlimmer“, sagte Draghi. Trotz hoher Konjunkturrisiken sei die Gefahr einer Rezession für die Euro-Zone „relativ niedrig“.

Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu den jüngsten Wirtschaftsdaten aus Deutschland. Zuletzt war der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex kräftig in die Knie gegangen. Die Erwartungen der Manager sind auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise gefallen. Damit wächst das Risiko einer Rezession in der größten Volkswirtschaft Europas.

Doch Draghi schien das weniger zu beunruhigen. Es sei schwer, wirklich pessimistisch für die Konjunktur zu sein. Außerdem ließ der oberste Währungshüter der Euro-Zone durchblicken, dass bei einigen geldpolitischen Instrumenten die Wirkung nachlasse, um anzufügen: „Wir freuen uns auf neue Instrumente, wenn es sie denn gibt.“

Der EZB-Präsident forderte die Regierungen der Euro-Zone ungewöhnlich deutlich auf, fiskalische Konjunkturprogramme auf den Weg zu bringen. Noch jüngst hatte er die Instrumente der Geldpolitik gepriesen. Das sei nicht der entschlossene Draghi gewesen, wie man ihn kenne, sagte Marc Ostwald, Chefökonom bei ADM Investor Services. „Doch sei es, wie es sei. Der einzige Weg im September ist eine Zinssenkung.“

„Mit positiven Renditen sollte kein Bundesbürger mehr kalkulieren“

Für Sparer brechen härtere Zeiten an. Denn längst ist nicht klar, wie die Nebenwirkungen einer weiteren geldpolitischen Lockerung auf die Banken reduziert werden können. „Wenn die Negativzinsphase weiter anhält oder gar noch weiter verschärft wird, wird das für die Wirtschaft und für jeden in diesem Land deutlich spürbar werden“, warnte Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV).

Im Klartext: Dann könnten die Institute für die Verwahrung von Geld auf Giro- oder Tagesgeldkonten eine zusätzliche Gebühr von ihren Kunden erheben. Strafzinsen, die heute lediglich reiche Kunden mit einem Geldvermögen von 500.000 Euro oder mehr zahlen müssen, würden dann faktisch für normale Sparer Realität. Mit positiven Renditen sollte kein Bundesbürger mehr wirklich kalkulieren. Nach Einschätzung von Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater sind positive Zinsen „in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre so gut wie ausgeschlossen, wenn nicht für die gesamte kommende Dekade“.

   

 Quelle: Holger Zschäpitz: „Jetzt müssen Deutschlands Sparer Draghis finale Zinsattacke fürchten“, https://www.welt.de/finanzen/article197479011/EZB-Jetzt-muessen-Deutschlands-Sparer-Draghis-grossen-Schlag-fuerchten.html“, 25.07.2019

 

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